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„Der liebe Gott steckt im Detail“

Die Universität Passau rekonstruiert die Kulturwissenschaftliche Bibliothek von Aby Warburg

| Lesedauer: 3 Min.

Der Lesesaal der Warburg-Bibliothek 1926.

Der Lesesaal der Warburg-Bibliothek 1926.

Die Professur für Kunstgeschichte katalogisiert 60.000 Bände, deren Erforschung bis zur Flucht vor den Nazis den Grundstein für eine moderne fächerübergreifende Bildwissenschaft legte.

Die Universität Passau rekonstruiert eine der wohl bedeutendsten Sammlungen der Wissenschaftsgeschichte. Die Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung finanziert u. a. eine Mitarbeiterstelle, um die „Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg“ zu katalogisieren. Ihr Besitzer Aby Warburg (1866–1929) sammelte 60.000 Bände, deren Erforschung ihn zu einem der meistdiskutierten Kulturwissenschaftler machte. Er gilt als bedeutendster Stichwortgeber der Ikonologie, der Geschichte von Mentalitäten und Gründungsvater der Historischen Bildwissenschaften. „Das nun in Passau angesiedelte Forschungsprojekt leistet nichts weniger als die Rekonstruktion eines der berühmtesten und schillerndsten Monumente der Kulturwissenschaften im 20. Jahrhundert. Dessen intellektuelle Strahlkraft hält bis auf den heutigen Tag an“, erklärt Michael Thimann, Professor für Kunstgeschichte und Bildwissenschaften.

 

Warburg baute seine ursprünglich private Bibliothek zu einem fächerübergreifenden Forschungsinstitut aus, in dem eine Arbeitsgemeinschaft aus Philosophen, Kunsthistorikern, Religionswissenschaftlern und Orientalisten an der Universität Hamburg gemeinsame Fragestellungen bearbeitete. Als jüdisch geprägte Institution geriet die Bibliothek nach 1933 unter Druck. Eine Verschiffung nach Großbritannien – an die University of London – rettete zwar die Bestände, die bereits geplante Dokumentation durch einen gedruckten Katalog unterblieb jedoch in den Wirren von Vertreibung und Emigration. Der Umzug von Bibliothek und Mitarbeitern machte allerdings die junge Disziplin Kunstwissenschaft in den angelsächsischen Ländern bekannt und förderte die Einrichtung von Lehrstühlen an den dortigen Elite-Universitäten. „Eine Rekonstruktion der Bibliothek, wie wir sie jetzt durch die Veröffentlichung des Kataloges vornehmen wollen, leistet einen zentralen Beitrag für unser Verständnis der Geschichte der Geisteswissenschaften im 20. Jahrhundert“, erklärt Prof. Thimann.

 

Davor steht eine umfangreiche Schatzsuche. Im Londoner Archiv befindet sich zwar eine Dokumentation mit Inventaren und Zugangsbüchern, die als Arbeitsgrundlage für die Rekonstruktion des Bestandes dienen. Parallel müssen aber auch Zahlungsbücher mit dem heutigen Digitalkatalog, Zettelkästen und dem tatsächlich vorhandenen Bestand in London abgeglichen werden. Schwierig wird insbesondere die Erfassung der im Krieg hinzugekommenen Bücher sowie die Rekonstruktion der Alten Drucke, da ein Teil der Bestände im Krieg verloren ging.

 

Aufgrund der kulturellen Bedeutung der Bibliothek hatte sich u. a. der Schriftsteller Günter Grass im Wahlkampf zur Hamburger Bürgschaft für einen Rückkauf der Warburg-Bestände stark gemacht. Warburgs Bibliothek zeige genau das, was die Bildwissenschaft heute interessiert: visuelle Beispiele verschiedener Zeiten und Gattungen, deren Motive Ähnlichkeiten aufweisen. Sein oft zitierter Satz: „Der liebe Gott steckt im Detail“ bezieht sich auf das genaue Studium von ganz unterschiedlichen Dokumenten, das erst ein tieferes Verständnis eines Bildzusammenhangs ermöglicht – in welchem sozialem Umfeld ist es entstanden, was sagt es über seine Zeit aus, etc. Diese Methode ist ein Kennzeichen von Arbeiten, die aus der so genannten „Warburg-Schule“ hervorgegangen sind.

 

Die Vertreter des sogenannten Iconic Turn sehen in ihrer seit den 90ern erhobenen Forderung nach einer Bildanalyse mit Methoden der Philosophie, Theologie, Ethnologie, Psychologie, Kunstgeschichte, Medien- und Naturwissenschaften in Warburg ihren Stammvater. „Für die Wissenschaftsgeschichte sind Warburg und seine Werksammlung daher ein hochaktuelles Forschungsobjekt“, so Thimann.

 

Warburg selbst hatte sich vor allem der italienischen und deutschen Renaissance gewidmet. Ihn interessierte das Nachleben der Antike und der antiken Götter, das Fortwirken heidnisch-antiker Bild-Vorstellungen und magischer Bildpraktiken, die sich in der europäischen Kultur ohne Unterbrechungen nachweisen lassen.


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Hinweis an die Redaktionen: Rückfragen zu dieser Pressemitteilung richten Sie bitte an die Pressestelle der Universität Passau, Tel. 0851 509-1430, oder an Prof. Dr. Michael Thimann, Tel. 0851 509-2060, michael.thimann@uni-passau.de

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